Hans Falladas letzter, zensierter
Roman
Anfang der
vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stopfte Elise Hampel sonntags Socken und half ihrem
Mann Otto beim Schreiben und anonymen Verteilen von Karten gegen Hitlers
Kriege, gegen sein Regime der Angst und des Terrors. Noch haben sie Glück und
werden nicht dabei erwischt. Doch bald schleichen sich Gewohnheit und
Leichtsinn ein. Otto legt diese heißen Karten in der Regel in Hausfluren und
Treppenhäusern ab, dreimal im selben Gebäude, häufiger im gleichen Dreh des Wedding, dem Norden Berlins. Müllerstraße,
Antwerpener, Brüsseler, Turiner, Malpaquetstraße. Ein dichtes Netz von
Fundorten entsteht, weil beinahe jede dieser mühsam geschriebenen, unter
Lebensgefahr abgelegten Karten bei der Geheimen Staatspolizei landet. Otto
hatte sich und seiner Elise eine tödliche falle
gebaut.
Was ist das für eine Geschichte? Eine
wahre, aus Gestapo-Akten rekonstruierte Geschichte. Fallada machte daraus
seinen letzten Roman, den der Aufbauverlag 1947 postum,
also ohne das Einverständnis des Autors, veröffentlichte. Über 60 Jahre später
wird Jeder stirbt für sich allein ein
Weltbestseller, der es in England bis unter die Schmöker und Kochbücher in
Supermärkten schaffte.
Und das, obwohl in diesem Roman viel gequält und gestorben wird. Eine düstere
Geschichte aus den Jahren 1940 bis 1942 in Berlin, „aber mehr Helligkeit hätte
Lüge bedeutet.“
ESCHERICH
So nannte
Fallada den Kommissar, der seine beiden
Kartenschreiber, Anna und Otto Quangel jagt. Escherich verfolgt alle Spuren,
auch falsche. Er weiß aus langer kriminalistischer Erfahrung, dass eine Spur zur
anderen führen wird. Spuren Unschuldiger führen zu Spuren von Schuldigen. Escherich
verwandelt die reichsdeutsche Metropole in das Netzwerk einer tödlichen
Überwachung. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er unter all den arbeitenden,
schlafenden, von Bomben bedrohten Menschen die Rebellen gegen Hitler
herausgefischt und verhaftet hat.
„MÜTTER!
HITLER MORDET EURE SÖHNE!“
Für jede bei ihm abgelieferte
staatsfeindliche Karte steckt Kommissar Escherich ein rotes Fähnchen auf den
Stadtplan Berlins. Noch sind es nicht viele. „Aber in den nächsten Wochen
werden immer mehr Fähnchen dazukommen, und dort, wo sie am dicksten sitzen, da
steckt mein Klabautermann. Weil er nämlich mit der Zeit abstumpft und es ihm
den weiten Weg nicht mehr lohnt wegen einer Karte. Sehen Sie, an diese Karte
denkt der Klabautermann nicht. Und ist doch so einfach! Und schnapp mache ich noch einmal und habe ihn auch so fest!“(213)
Genau so wird es passieren, keine Aussicht
auf Entkommen für Anna und Otto. So was liest sich nicht ohne Beklemmung. Und
doch lese ich weiter und weiter, lüstern und beklommen. Bis mir mein perverses
Vergnügen bewusst wird: Bin ich doch selber überwacht und folge gleichwohl dem
Fall einer totalen Überwachung.
Das ist mir nicht neu, nur dass Fallada keinen Krimi geschrieben hat. Und lese
doch weiter. Natürlich, aber warum? Weil es, wie ich glaube, so schlimm um mich
nicht oder noch nicht stehen kann. Um Anna und Otto steht es viel schlimmer!
Nicht ich lebe in einem totalitären System, aber sie, meine unbeholfen tapfer
widerstehenden Eheleute. Auch spüre ich sie ja kaum, diese mich täglich
überwachende, irgendwann zupackende Maschinerie eines auf Produktion und Konsum
getrimmten, parlamentarisch nur noch mühsam gezügelten Systems.
Lesend lerne, fühle ich, wie es zugeht in einem von Angst und Terror
bedrohten Alltag. Lesend gehe ich mit
ihnen und Escherich durch die Stadt meiner Geburt. Als sie ihre Karten gegen
Krieg und Konzentrationslager ablegten, lag ich noch in den Windeln. Nichts
ahnend lebte auch ich nicht ohne Bedrohung Mein Großvater hörte BBC. Meine
Mutter hatte was läuten gehört, irgendwas von einer physischen Vernichtung
irgendwo, sprich Ermordung psychisch behinderter Menschen und sich darüber in
einem Brief an meinen Vater entsetzt. Keine unverdächtige Familie, ein Fall für Escherich. Noch über
siebzig Jahre später fürchte ich sein Netz von Fähnchen auf dem Stadtplan
Berlins mehr als elektronische Kameras. Anna
und Otto haben keine Ahnung von Escherichs Fähnchen, noch keine. Und ich? Was
weiß ich heute denn schon, was andere über mich wissen! Wie, wenn meine nicht
nur elektronisch überwachte Freiheit zur Falle geraten würde?
Wird‘ mir jetzt nicht hysterisch!
Du liest einen historischen Text! Es ist nur
Literatur, ein starkes Leseerlebnis. Eine alte „Schmonze“,
wie Fallada selber seinen letzten Roman einmal genannt hat, als er ihn fertig
hatte. Weiterlesen! Die folgende Szene zum Beispiel:
Ein Polizist, Falladas Füchslein, bewundert das tückisch strategische
Fähnchen-Spiel seines Vorgesetzten Escherich, den großen Fuchs: „‘Und was
dann?‘, fragte das Füchslein, von einer lüsternen Neugier angetrieben.
Kommissar Escherich sah ihn ein bisschen
spöttisch an. ‚Hören Sie ‘s so gerne? Na, ich tu Ihnen den Gefallen:
Volksgerichtshof und weg mit der Rübe! Was geht das mich an? Was zwingt den
Kerl, so ‘ne blöde Karte zu schreiben, die kein Mensch liest und kein Mensch
lesen will. Nee, das geht mich nichts an. Ich bezieh mein Gehalt, und ob ich
dafür Marken verkaufe oder Fähnchen einpieke, das ist mir ganz egal. (. . .)
und wenn ich den Kerl gefasst habe und es ist so weit, so schicke ich Ihnen
eine Einladungskarte für die Hinrichtung.‘
‘Nee, danke wirklich. So war das nicht
gemeint!‘
‘Natürlich
war es so gemeint. Warum genieren Sie sich denn vor mir?! Vor mir braucht sich
kein Mensch zu genieren, ich weiß, was mit den Menschen los ist! Wenn wir hier
das nicht wüssten, wer soll’s denn sonst wissen? Nicht mal der liebe Gott!
Also, abgemacht, ich schicke Ihnen eine Einladung zur Hinrichtung. Heil
Hitler!‘“(213)
Fallada
wird uns zu dieser Hinrichtung einladen. Er weiß es noch besser, was mit den
Menschen los ist. Und serviert dieses Wissen so kaltschnäuzig, dass sich mir
die Haare jetzt schon sträuben. Er zeigt uns auktorial lakonisch, wie Quangels
ihr Leben ein bis zweimal pro Woche riskierten, nachdem sie sich zum Widerstand
gegen Hitler entschlossen hatten. Und dies nach oder noch vor der täglichen
Arbeit! Er zeigt uns aber auch, wie cool, um es unbekümmert modisch zu sagen,
über das Leben und Sterben dieser seiner Zeit raren Menschen von denen gedacht
und verhandelt wurde, die diesen Widerstand zu brechen versuchten. Falladas
Stil und Ton reflektieren die nüchterne Sachlichkeit in der täglichen Praxis
des Widerstands und seiner Verfolgung. Kommissar Escherich z.B. ist nicht etwa von
Hitlers Politik überzeugt. Er ist in erster Linie ein kriminalistisch
geschulter, politisch neutraler Beamter. Und die Quangels sind ihm ein Dorn im
Auge, sie fordern seine beruflichen Fähigkeiten heraus, noch bevor er sie
gefasst und persönlich kennen gelernt hat.
Dann ist es so weit: Der Kommissar hat endlich
Erfolg. Otto muss das Vergebliche seines
Widerstands nur noch einsehen, auch dass er dafür sterben muss. Escherich
triumphiert. Der Widerstand der Quangels ist an ihm gescheitert. „Und bedenken
Sie doch eines, Herr Quangel“, fuhr der Kommissar (…) fort, „all diese Briefe
und Karten sind freiwillig bei uns abgeliefert. Wir haben keine von uns aus
gefunden. Die Leute sind damit förmlich gelaufen gekommen, als brennte es. Sie
konnten sie nicht schnell genug los werden, die meisten haben die Karten nicht
einmal gelesen . . .“(499) Otto bleibt aufrecht, auch angesichts des Todes:
„Nein, das werden Sie nie verstehen. Es ist egal, ob nur einer kämpft oder zehntausend; wenn der eine merkt, er muss
kämpfen, so kämpft er, ob er Mitkämpfer hat oder nicht. Ich habe kämpfen
müssen, und ich werde es immer wieder tun. Nur anders, ganz anders.“(501)
Ich nehme an, dass gerade das Scheitern
dieser kartenschreibenden Widerständler zum weltweiten Erfolg von Jeder stirbt für sich allein beigetragen
hat. Widerstehen, auch wenn es sich nicht bezahlt, gehört heute wieder zu einem
Lebensgefühl, das sich mit Geld alleine nicht mehr abspeisen lässt.
„Sie arbeiten für einen Mörder“, muss Escherich sich von Otto sagen lassen, „und
Sie liefern
dem Mörder stets neue Beute. Sie tun’s für Geld, vielleicht glauben Sie
nicht mal an den Mann. Nein, Sie glauben
bestimmt nicht an ihn. Bloß für Geld . . .“(502)
Falladas Kommissar arbeitet nicht nur für
einen Mörder. Dieser Kommissar wird selber zum Mörder an Enno Kluge, einem
windigen Kleinkriminellen und Schürzenjäger, der dem Kommissar berufliches
Versagen hätte nachweisen können. Aber selbst Escherich ist kein Unmensch.
Ottos Aufrichtigkeit hat schließlich doch
noch einen Rest von moralischem Anstand in ihm wachgerufen. „Es ist mir
immer gleich gewesen, wer am Ruder saß, warum dieser Krieg geführt wurde, wenn
ich nur meinen gewohnten Geschäften nachgehen konnte, dem Menschenfang. Dann,
wenn ich sie erst hatte, war mir gleichgültig, was aus ihnen wurde . . . Aber
jetzt ist es mir nicht gleichgültig. Ich bin dessen so überdrüssig, es ekelt
mich an (…) seit ich diesen Quangel fing, ekelt es mich an. Wie er dastand und
mich ansah. (…) Das hast du getan, sagte sein Blick, du hast mich verraten!
Ach, wäre es noch möglich, ich würde zehn Enno Kluges opfern, ihn frei zu machen!
Wäre es noch möglich, ich würde fortgehen von hier, ich würde etwas beginnen
wie Otto Quangel, etwas besser Ausgedachtes, aber ich möchte kämpfen.“(505)
Schlussendlich verzweifelt, reißt Falladas
negativer Held sein Erfolgsgeheimnis, die Stadtkarte Berlins mit all roten
Fähnchen von der Wand seines Arbeitszimmers und jagt sich eine Kugel durch den
Kopf. „Der herbeistürzende Posten fand nur einen fast kopflosen Leichnam hinter
dem Schreibtisch. Die Wände waren mit Blut und Hirn bespritzt, an einer Lampe
hing, zerfetzt und schmierig, der semmelblonde Schnurbart des Kommissars
Escherich.“(506) Ebenso drastisch
wie ironisch besiegelt Fallada die moralische Bekehrung Escherichs. Die
Ohnmacht hatte die Macht, David Goliath besiegt. „Holt dieses Schwein, den Quangel, rauf!“Ruft
Escherichs herbeigeeilter Vorgesetzter, ein politisch überzeugter
Nationalsozialist. „Er soll sich die
Sauerei hier ansehen, er kann sie wegmachen!“ Und, ganz nebenbei, quasi noch unter
Escherichs Hand, hat Fallada mit Escherichs Tod, nur eine weitere Facette
des Widerstandes im Kampf gegen Hitler in Erinnerung gebracht. Escherich wollte
kämpfen wie Otto, in dem er noch etwas Mächtigeres als seine Dienststelle und
deren Machtapparat erkannt hatte. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser
Selbstmord eine Facette des Widerstands darstellt. Selbstmord aus Verzweiflung am
eigenen Tun, an einem falsch geführten oder zu einem falschen Ende geführten
Leben ist etwas Anderes, als der Selbstmord der Verfolgten und Folter
bedrohten.
OTTO QUANGEL
Otto Quangel, stets kühl bis ans Herz, geht aufrecht bis vor das Fallbeil. Die
Henkersmahlzeit, auch die Zigaretten lässt er zurückgehen. Sich waschen, das
will er noch. Aber da kommt schon der Scharfrichter und seine Schergen scheren Ottos
Kopf kahl, rasieren ihm den Nacken aus. Otto
lässt alles ruhig über sich ergehen. Diese Prozedur dauert nur sieben Minuten.
Und nun hat Scharfrichter nur noch eine Bitte: Otto möge seine Enthauptung
nicht unnötig in die Länge zu ziehen!
Zeit ist Geld, auch in der Todeszelle.
Aber die Haare! Der Scharfrichter will
nicht nur Ottos Leben, er will auch seine Haare: „‘Sei so nett und feg dein
Zeug selber zusammen. Du bist nicht dazu verpflichtet, verstehst du, aber wir
sind knapp mit der Zeit. Der Direktor und der Ankläger können jeden Moment
kommen. Schmeiß die Haare nicht in den Kübel, ich leg dir hier ‘ne Zeitung hin:
wickle sie ein und lege sie neben die Tür. Es ist ein kleiner Nebenverdienst,
du verstehst?‘
‚Was machst du denn mit meinen Haaren?‘,
fragte Quangel neugierig.
‚Verkauf ich an einen Perückenmacher.
Perücken werden immer gebraucht. Nicht nur für Schauspieler, auch so. Na, dann
dank ich auch schön. Heil Hitler!‘“(654)
Fallada spielt das Entsetzliche runter, bis
ins Abseits des Erträglichen. Die industrielle Verarbeitung der Haare der Opfer
in Auschwitz war mir bekannt, die private Verwendung der Haare der in
Plötzensee geköpften Widerstandskämpfer nicht.
„‘Der Scharfrichter kam mit seinen beiden
Gehilfen auf ihn zu. Er streckte ihm die Hand hin
‚Also, nimm mir ’s nicht übel!‘, sagte er.
‚Nee, zu was denn?‘, antwortete Quangel
und nahm mechanisch die Hand.‘“(657)
Warum diese Nonchalance? Fallada konnte
nicht anders. Er wollte auch das Furchtbare nicht gut schreiben und schrieb nicht einmal bewusst gegen das heroische Pathos der
offiziellen antifaschistischen Heldenverehrung. Das lag ihm nicht. Die Helden
seiner Romane waren immer schon kleine
oder keine Helden. Auch Otto Hampel war kein Vorzeigeheld, wie aus den
Gestapo-Akten ersichtlich. Otto Quangel konnte keiner werden. Dieser Otto war
und ist ein einfacher, in sich gekehrter Mensch, der nicht mehr mit gemacht haben
und wieder anständig geworden sein wollte. Dieser Wortwechsel mit einem Henker
ist so geschrieben, als ginge es gar nicht um die Hinrichtung eines
Freiheitskämpfers. Freiheitskämpfer waren nicht Falladas Fall, weder vor,
während oder nach dem Faschismus. Und doch ging es immer um Freiheit in
Falladas anderen Welterfolgen Kleiner
Mann – was nun?(1932) und Wolf unter
Wölfen(1937). Das herzlich Gewöhnliche
der Menschen, das war es, was diesen Autor faszinierte. Politisch korrekt war
das nicht nach 1945 im Osten Deutschlands. Aber es war sein Stoff, der ihm 1946
zunächst gar nicht gefallen wollte.
Diese unter dem Faschismus noch gesteigerte deutsche aussichtslose
Trostlosigkeit! Die er am eigenen Leibe erfahren und gegen die er sich manisch
schreibend, trinkend und sich betäubend gewehrt hatte.
Heldentum war seine Sache also wirklich
nicht. Zwölf Jahre mehr oder weniger mit geschwommen sein und sich dann
heldisch frei schreiben? Das kam nicht in Frage. Doch nun zurück in Ottos
Todeszelle:
„‘Nun mal los, alter Junge!‘, mahnte der
Scharfrichter. ‚Mach jetzt keine langen Geschichten. In zwei Minuten hast du es
ausgestanden. Hast du übrigens an die Haare gedacht?‘
‚Liegen an der Tür‘, antwortete
Quangel.‘“(659)
Aufklären,
nicht verklären.
ANNA QUANGEL
Die Frage,
wie man aus der NSDAP oder einer ihrer Unterorganisationen wieder heraus kommt,
ohne dafür in ein Konzentrationslager zu geraten oder gar in Plötzensee zu
enden, mögen sich seiner Zeit viele in Gewissensnot geratene Frauen und Männer
als Mitglieder nationalsozialistischer Organisationen gestellt haben. Anna
Quangel hat einen Posten im NS-Frauenbund, will den aber unbedingt los werden.
Nichts wie raus aus der Mörderbande „der Schmeißfliegen und Speckjäger, denen
es nur um Geldscheffeln und Lebeschön“(59) geht, wie ihr Otto sich auszudrücken
pflegt. Wieder anständig werden wollte sie! Aber wie? Anna denkt nach und hat eine listige Idee: „ …zu viel zu wissen, zu
schlau zu sein, das war denen noch lästiger als ein bisschen (politische, EM)
Doofheit. Und Überklugheit, gepaart mit Übereifer, ja, so musste es
gehen.“(164f) Zu Annas Hauptaufgaben im Frauenbund gehörte es seiner Zeit, als
der „Zwangsarbeiter-Import noch nicht so recht in Gange war“, Drückeberger und
Arbeitsscheue, also Verräter am Dritten Reich und seinen innen- und
außenpolitischen Zielen, ausfindig zu machen. „Grade erst kürzlich hatte das
Ministerchen Goebbels in einem Artikel hämisch auf jene geschminkten Dämchen
hingewiesen, deren rotlackierte Fingernägel sie noch lange nicht von der Arbeit
für das Volk – und nicht etwa nur von der Büroarbeit! – frei machten.“(165) Was
dazu führte, dass Goebbels sich
gezwungen sah, einen weiteren Artikel zu
veröffentlichen, in dem er darauf aufmerksam machte, dass rote Fingernägel
nicht ohne weiteres Merkmale für arbeitsscheue Volksgenossinnen wären. Womit er
der Denunziation Türen und Tore öffnete.
Als das Dienstmädchen der Parteibonzen nur
mal nachsehen will, ob die gnädige Frau auch für so eine wie die Anna zu
sprechen ist, fragt die mit gesenkter
Stimme: „ . . . gnädige Frau? So was gibt es doch im Dritten Reich gar nicht
mehr! Wir arbeiten alle für unseren geliebten Führer – jedes an seinem Platz!
Ich will zu Frau Gerich!“
Eine Szene, schon deshalb köstlich, weil es so viel zu lachen ja nicht
gibt in Falladas letztem Roman.
Anna spielt die politisch überzeugte Nationalsozialistin, für die Dienstmädchen
unnötiger Luxus sind: „‘Können Sie wirklich nicht ihren Mann alleine versorgen?
Noch ein Mensch mehr der Rüstungsindustrie entzogen, werde ich mir notieren!
Kinder haben Sie natürlich keine?‘
‘Nein, Kinder natürlich keine!‘, sagte
Frau Gerich jetzt auch sehr scharf. ,Aber Sie können sich noch notieren, dass
ich mir zwei Hunde halte!‘
Anna Quangel richtete sich steif auf und
sah die andere mit düster glühenden Augen an. (In diesem Augenblick hatte sie
vollkommen vergessen, warum sie diesen Besuch gemacht hatte.) ‚Sagen Sie mal!‘
rief sie und gab ihrer Stimme absichtlich einen gewöhnlichen Klang. ‚Wollen Sie
sich etwa über die Arbeitsbestimmungen und unsern Führer lustig machen? Ich
warne Sie!‘
‚Und ich warne Sie!‘, schrie Frau Gerich
dagegen. ‚Sie scheinen nicht zu wissen, bei wem Sie sind! Ich und mich über
eine Bestimmung lustig machen! Mein Mann ist
Obersturmbannführer!‘
‚Ach so!‘, sagte Anna Quangel. ‚Ach so!‘
Ihre Stimme war plötzlich ganz ruhig geworden. ‚Na ja, Ihre Angaben habe ich
nun, Sie bekommen dann Bescheid! Oder haben Sie noch irgendwas geltend zu
machen? Vielleicht eine kranke Mutter zu versorgen?‘.
Frau Gerich zuckte nur verächtlich die
Achseln. ‚Ehe Sie jetzt gehen‘, sagte sie, ‚möchte ich doch einmal Ihren
Ausweis sehen. Ich hätte mir auch gerne Ihren Namen notiert.‘
‚Bitte!‘, sagte Frau Quangel und hielt der
anderen ihren Ausweis hin. ‚Steht alles drauf. Visitenkarte habe ich leider keine.‘“(169f)
Frau Obersturmbannführer Gerich notiert
sich Annas Namen und schon hat Anna erreicht, was sie erreichen wollte: Man
wird sie rauswerfen aus dem NS-Frauenbund! Und jetzt werden Anna und Otto ihre
erste anonyme Karte schreiben, sie in
einem Treppenhaus heimlich ablegen, wo sie gefunden und schleunigst auf die
nächste Polizeistation getragen wird. Von dort bis in Annas Todeszelle ist es
dann nicht mehr weit. Hier aber befreit Anna sich ein zweites Mal, indem sie
der Versuchung eines Selbstmords durch Zyankali widersteht. Das macht sie
wiederum innerlich so frei, dass sie zuletzt nur noch vom Wiedersehen mit ihrem
Mann träumt. Und so strickt und träumt sie so lange, bis sie in einer
Bombennacht von einer Mine zerrissen wird. „Frau Anna Quangel hat keine Zeit
mehr gehabt, aus ihrem Wiedersehenstraum aufzuwachen. Sie ist schon bei ihm.
Sie ist jedenfalls dort, wo auch er ist. Wo immer das nun sein mag.“(662) So
kam es also, dass Anna Hampel, anders als ihr Mann Otto, nicht unter das
Fallbeil in Plötzensee geriet.
Aus den Recherchen Manfred Kuhnkes geht
hervor, dass Frau Elise Hampel, geborene Lemme,
am 8. April 1943 sechs Stunden auf die ihr angekündigte Enthauptung hat
warten müssen, um sodann um 19 Uhr 20, ohne jedes Wiedersehen mit ihrem Mann,
zwei Minuten nach ihm enthauptet wurde. Seine Hinrichtung dauerte 14, ihre 16
Sekunden.
KNIEFÄLLE
Zu meinem Leseerlebnis von Jeder stirbt für sich allein gehören ein
paar Fragen, die ich mir stellte, nachdem
ich Manfred Kuhnkes wahre Geschichte hinter Falladas letztem Roman
gelesen hatte. Ihm verdanke ich, was mir bis heute über den historischen
Hintergrund dieses Romans, sowie über seine politische Zensur bekannt geworden
ist. Alles begann mit Johannes R. Becher,
der mit der sogenannten Gruppe Ulbricht aus dem Moskauer Exil zurück gekommen
war. Den zweiten Weltkrieg, insbesondere aber die ebenso entsetzlichen wie traumatisierenden
Erfahrungen des stalinistischen Terrors im intellektuellen Gepäck, sorgte
Becher im Rahmen seiner kulturpolitischen Bemühungen auch dafür, dass Hans
Fallada ein Teil, der schönere Teil des Widerstandes des Ehepaars Hampel in
Form von Gestapo-Akten zugespielt wurde. Der hässliche Teil, nämlich der
moralische und politische Zusammenbruch des Ehepaars Hampel in den
Gestapo-Verhören wurde ihm bewusst vorenthalten. Ein Faktum, das seit dem Jahr
2001 unter Fallada-Spezialisten bekannt gewesen war, gleichwohl aber bis heute ignoriert oder verharmlost wird.
Elise und Otto Hampel hatten sich, ganz
anders als die fiktiven Quangels, angesichts des ihnen drohenden Todes gegenseitig verraten und waren dabei vor
Hitler derart auf die Knie gefallen, dass sie ihren Widerstand im Nachhinein radikal
verleugneten. Was auch heute noch ebenso traurig wie menschlich verständlich
erscheint, passte Johannes R. Becher und den Verantwortlichen im Aufbau-Verlag
nicht in das politische Programm eines demokratischen Neuanfangs, dem Falladas
letzter Roman letztlich dienen sollte. Anna und Otto Quangel waren
nicht gerade „eindeutig, kraftvoll, überzeugend, leuchtend“.
Elise und Otto Hampel waren es noch weniger. Und
doch stehen sie heute noch zusammen mit der Weißen Rose, der Roten Kapelle, dem
Kreisauer Kreis, Georg Elser, den Männern um den 20. Juli 1944, Männern und
Frauen des christlichen Widerstandes sowie vielen Anderen für den deutschen
Widerstand. Der scheiterte, weil die überwältigende
Mehrheit der deutschen Bevölkerung vor dem Faschismus kapituliert hatte. Elise
und Otto Hampel nicht!
Manfred Kuhnke verdanken wir die kostbare
Erinnerung an Helga Schuberts Tränen auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR.
Zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, im November 1987 hatte sie den Anwesenden
nach Einsicht in den hässlichen Teil der Gestapo-Akten Folgendes über ihr
Empfinden während des Aktenstudiums gestanden:“ Was ich da las, war so
tragisch, dass ich zu weinen anfing . . . das finde ich schlimm, durch Folter
verloren sie ihre Menschenwürde . . .
für mich ist es viel tragischer und rührender, dass Leute, die so mutig viel
auf sich genommen . . . trotzdem gebrochen werden durch Folter.“
Heute glauben wir zu wissen, dass das Ehepaar Hampel nicht gefoltert wurde,
sondern jeweils von einem bestellten Anwalt beraten – möglicher Weise auch von diesen
gegeneinander aufgehetzt und in Todesangst versetzt – innerlich zusammenbrachen.
Frau Elise und Herr Otto Hampel wurde also nicht nur das Leben, sondern auch ihre
moralische und politische Identität geraubt. Dies einem Autor des
demokratisch-antifaschistischen Widerstands verschwiegen zu haben, halte ich nicht
nur für eine Fälschung von Tatsachen, sondern auch für einen Verrat an der geschändeten
Menschenwürde als massenhaft erlebter historischer Wirklichkeit unter dem
Faschismus. Begangen nicht etwa von Hans Fallada, sondern von jenen Kulturpolitikern im Auftrag Stalins vor denen schließlich auch
Johannes R. Becher in die Knie gegangen war. Wobei Kniefälligkeit vor dem
Faschismus und Stalinismus in der Mitte des 20.Jahrhunderts kein besonders
deutsches Phänomen geblieben ist.
Helga Schubert hatte noch versucht, das
Verschweigen der ganzen Wahrheit über diese
beiden Widerstandskämpfer mit der
auf den Schriftstellern der unmittelbaren Nachkriegszeit lastenden Forderung
des Tages zu erklären: „ Aber vor allem war es damals wichtig, ein Buch zu
schreiben über einfache Leute, die ihr Leben eingesetzt haben gegen die
Barbarei und bis zum Schluss aufrecht
geblieben sind. Historisch ist es nicht wahr . . . und was die Sache so
tragisch macht: Ein Schriftsteller konnte so kurz danach . . . den Hergang nicht so darstellen, wie er
sich zugetragen hatte, weil es zunächst wichtiger schien, ein aufrechtes
Ehepaar darzustellen.“
War es wirklich wichtiger? Wie viele waren es denn, die 1945 nicht auf Knien, also
moralisch und politisch gebrochen, der Hölle des Nationalsozialismus entkommen waren?
Die deutsche Mehrheit sicher nicht!
Wäre es da nicht vielleicht richtiger gewesen, diese nicht nur deutsche
Kniefälligkeit vor Hitler, den Verrat der Freiheit und des Menschenrechts an
die moderne Barbarei öffentlich zu diskutieren, literarisch zu gestalten und
eben nicht erst auf die lange Bank zu schieben? Die ganze Wahrheit über das
tragische Ehepaar Hampel hätte hier helfen können. Und wie kamen ausgerechnet
Johannes R. Becher und seine Getreuen aus jenen mörderisch verlogenen Moskauer
Jahren im Hotel Lux und anderswo dazu,
einem gerade sich selber gegenüber so aufrichtigen
Autor wie Hans Fallada und seinen Lesern
die ganze Wahrheit der Hampels in ihrer furchtbaren Tragik zu verheimlichen?
Jedenfalls fing der Skandal der politische Zensur von Falladas letztem Roman
hier schon an, nämlich mit der Instrumentalisierung der
Gestapo-Akten bzw. zweier Menschenleben. Und nicht erst mit politischen
Streichungen des Lektors Paul Wiegler.
Ehemalige Nationalsozialisten, die
sich aus ihrer pronazistischen Haltung befreiten, waren 1946/47 im
Einflussbereich des Ostberliner Kulturbundes und seiner
demokratisch-antifaschistischen Bündnispolitik politisch nicht erwünscht. Also
musste Anna Quangels Selbstbefreiung, ihr geschickter Ausstieg aus dem
NS-Frauenbund gestrichen werden. Gestrichen wurde deshalb auch die NS-Mitgliedschaft
der Briefträgerin Eva Kluge, so wie die blutige Vorgeschichte des schließlich
politisch geläuterten, ehemaligen NS-Richters Fromm. Eliminiert wurde alles,
was Fallada interessiert hätte, nämlich die Schwäche und Haltlosigkeit der
Menschen, ihr moralisches Verkommen und Verbluten unter der
nationalsozialistischen Diktatur. Eine Erfahrung, die Hans Fallada durchaus
nicht fremd war.
Auch Kommunisten waren übrigens nicht gefragt.
Anna Quangels Schwiegertochter in spe, die Verlobte ihres gefallenen Sohnes
Trudel ist in Falladas zensiertem Roman eine Kommunistin, durfte es aber ab 1947
bis ins Jahr 2011 nicht sein. Kommunisten waren
zwar an der Macht, in ihren Bündnissen hielten sie sich lieber im Hintergrund. Seit
der Neuausgabe von Jeder stirbt für sich
allein im Frühjahr 2011 spielen alle diese politischen Zensuren eigentlich
kaum noch eine Rolle. Sie allerdings heute nicht mehr als solche wahrhaben zu
wollen, hilft mit, die deutsche Nachkriegsgeschichte zu verdunkeln.
Eine gefährliche Mithilfe!
POSTSCRIPTUM
Mein
Vergnügen beim Lesen von Jeder stirbt für
sich allein war also nicht ungetrübt. Ich musste dieses dicke Buch weglegen, um es dann doch immer wieder aufzuschlagen.
Es ließ mich nicht los. Erst recht nicht, als ich Manfred Kuhnkes Hintergrundgeschichte
mitlas. Dass ich dann in den Tagen meiner Fallada-Lektüre in Buchenwald war,
betrachte ich als einen günstigen Zufall. Denn
während ich über den holperig schwarzen Schotter des Appellplatzes ging, fiel
mein Blick rechts hinunter auf die hell
blinkenden Stelen zur Erinnerung an die in der DDR tabuisierten Massengräber
des Speziallagers 2. Und ich fragte mich, was mit Anna Quangel, so wie wir sie
erst ab dem Jahr 2011 kennen, geschehen wäre, wenn sie, statt in einer
Bombennacht in Berlin gestorben zu sein, die Befreiung Deutschlands noch hätte
erleben dürfen. Wäre sie nicht in Buchenwald 2 oder in einem der anderen
Todeslager,
denunziert oder nicht, wegen ihres NS-Postens qualvoll zugrunde gerichtet
worden? Und was erst wäre mit Elise Hampel geschehen? Wer hätte sich 1945 für
eine Frau erbarmt, die ihren und den Widerstand ihres Mannes in Todesangst verraten
hatte?
Während
Deutschlands Entnazifizierung im Westen misslang, marschierte die
Stalinisierung im Osten,
verlief sich der sogenannte Bechersche Weg,
siegte Shdanow über Alexander Dymschitz. Dies und vieles mehr steht hinter den Hans
Fallada vorenthaltenen Gestapo-Akten, unter den Strichen in seinem
Schreibmaschinenmanuskript.
Mit Hans Fallada starb vor fünfundsechzig
Jahren einer der bedeutendsten deutschen
Autoren des 20. Jahrhunderts. Er hat wie kein Anderer den Facettenreichtum des
Alltags der Deutschen auf ihrem Weg aus dem ersten in den zweiten Weltkrieg
beschrieben und dies in einer schnörkellosen, modernen Weise. Widerspruchsreich
und lebensnah bis in den berliner Dialekt, statt pathetisch erhaben und eben
deshalb so reich an menschlicher Wirklichkeit, hat er in seinem letzten Roman
die ganze historische Wahrheit über die Deutschen unter dem Faschismus, ihre
Kniefälligkeit vor dem radikal Bösen im Deutschland Anfang der vierziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts, jedoch über Wege des Widerstands und Haltungen des
Nein-Sagens gestaltet. Und dies eben auch ohne Kenntnis der ganzen
Aktenwahrheit der Gestapo! Denn alle seine um die Hausfrau Anna und den
Vorarbeiter Otto sowie den mörderischen Polizisten Escherich herum gestalteten
Menschen erleben wir in ihrem gewöhnlichen Menschsein und dessen unvermeidbaren
Verstrickungen. Wir erleben sie so, wie wir uns erleben: Ganz privat, in Geldnöten,
in ihrem Bedürfnis nach Anstand, auch nach Liebe, in ihren Lügen und
Enttäuschungen, obendrein „erledigt von diesem ewigen Vorsichtigsein, dieser
nie ablassenden Angst …“(176)
Ganz allmählich nur hat Fallada uns so das
Geheimnis des gescheiterten Widerstandes
gegen die Barbarei verraten: Es lag ja in dieser Luft unter dem Faschismus, und
nicht nur in Berlin. Es war so etwas wie eine ungemein verdünnte und doch
lebensgefährliche Essenz. Gefiltert durch Angst vor dem Tod in Buchenwald oder in Plötzensee, aber auch durch den Willen, durch
die Gier am Leben bleiben zu wollen. Wer hätte diese Luft seiner Zeit nicht mit
Herrn und Frau Hampel, sowie dem Ehepaar
Quangel atmen müssen? Und, teilen wir, unter anderen historischen Bedingungen,
diesen Lebensinstinkt nicht heute noch mit ihnen? Weiter, was hätten wir an
ihrer Stelle getan? Was würden wir heute wofür oder schon nicht mehr wagen?
Wer noch hat uns das so ganz nebenbei, so
unaufdringlich gefragt?
Fallada wollte nur wissen „ wie ein kleiner Mann aus dem Volke einen von
vornherein aussichtslosen Kampf gegen die Hitlersche Staatsmaschinerie führt.“
Ohne, dass er selbst dergleichen gewagt hatte. Wofür er sich übrigens schämte! Mit
dieser Scham auch ist ihm sein letzter, leider zensierter, großer Roman
gelungen. Ist dies Falladas Vermächtnis aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts
für das, was vor uns liegt?