vendredi 6 mai 2011

Heimweh nach der Barbarei 1


Ich lasse mich gerne verführen. Auch in Ausstellungen, aus denen ich dann müde herauskomme. Weil meine Augen sich satt gesehen haben. Diesmal     Ein Zahnarzt hat eine soldatische Frau in der Mangel. Er trägt die hohe, weiße Mütze der Köche auf seinem Totenschädel. Und er lacht vor Freude, weil es gleich kracht und er seiner Patientin ein paar Zähne ausgebrochen hat. Sie ist fest im Griff des  Zahnklempners mit  seinem blau weiß gestreiften Sträflingskittel, der rechte Arm in einem gelben Puffärmel. Die Soldatin hat eine Maschinenpistole unterm Arm und zielt blind vor Angst oder Schmerz auf den Zeugen ihrer Folterung. Der trägt einen Stahlhelm über der brennenden Zigarette in seinem Hundemaul. Er sieht nicht nur seelenruhig zu, er ist fasziniert und so hingerissen, dass ihm der Arm gleich von der Kante des Tisches rutscht. Dieser Tisch ist ein braunes Fass. Das soldatische Paar trägt Pantoffeln, statt Stiefel. Das Bild heißt The Witness(2008).

     Das kann ja heiter werden.

Rollentausch. Häftling foltert Henker. Warum nicht? Auch das ist mehr als möglich, heutzutage. Die Ausstellung übertrifft meine Erwartung. Ich bin in ein Gruselkabinett geraten. Ernst Jüngers Abenteuerliche(s) Herz(1929) schlägt mir aus dem Hals. Die erste großen Weltwirtschaftskrise geht mir durch den Kopf. Als Jünger durch die deutsche Hauptstadt flanierte, blieb er plötzlich vor den Auslagen einer Menschenschlachterei stehen. Ein böser Zauber, gut so ! Wenn wir unsere Welt nicht verzaubern, gehen wir mit ihr unter. Dieser Maler ist ein Zauberer.

     Um mich lauter grün uniformierte Menschenhunde: Henker, Opfer, Zeugen und ich. Ab und zu ein Spaß- und Galgenvogel, ein Possenreißer. Verkehrte Welt! Ihre Rätsel machen schwindelig. Ich muss mich setzen und schaffe es gerade eben noch bis auf eine Sitzbank, neben einen jungen Mann. Ich bin der Maler, grüßt er mich und fragt, ob er mir behilflich sein könne. Und schon waren wir im Gespräch über seine Bilder.

       Zu schön, um wahr zu sein, so ein Gespräch mit einem Maler in seiner Ausstellung. Aber dann offenbarte sich mein Maler als geschickter Lügner: „ Ich äffe die Wirklichkeit mit Hilfe bestimmter Kniffe nach und  vertreibe mir die Zeit damit.“ 

     Schön wär’s!

     In Wirklichkeit bin ich ja nicht in einer Ausstellung, sonder sitze an meinem Schreibtisch. Und statt der Bilder im Original habe ich einen Papierwarenladen um mich: Kataloge und Kopien, so wie eine Flut über den Atlantik gesegelter Briefe jenes mir bis vor kurzem noch ganz unbekannten Malers. Gregory Forstner in seinem Atelier in Brooklyn/ New York und ich auf einem Hügel in der Auvergne. Wo ich mich von einem  grausigen Karneval vom Hocker und in den ersten Saal meiner imaginären Ausstellung reißen lasse.

     „DIT IS DE MINJ“ steht über dem Eingang und ich bleibe vor dem Autoportrait(1999) stehen. Gregory Forstner als Marionette eines nackten jungen Mannes mitten im Tanz, wundersam verankert auf einem Bein. Ich klammere mich an Heinrich von Kleist und sein Marionettentheater(1810/1811) in den „Berliner Abendblättern“ und denke an  die Grazie eines künstlichen Körpers, dessen Bewegungen derart aus einem geheimen Schwerpunkt heraus kommen, dass sie die Regungen in der Seele des Tänzers nachzeichnen. Wie dieser tanzende Hampelmann vor meinen Augen, der beide Hände hoch in die Luft gerissen hat und dennoch nicht von seinem Standbein kippt, weil er das Sprungbein steif und grotesk verlängert von sich abspreizt. Und während ich noch dem Strich dieser Zeichnung folge, mailt mir Gregory die folgende Anekdote: „ Ja, dieses Selbstproträt … eines Tages sah ich mir mit meinem Vater eine Fernsehsendung über geistig behinderte Menschen an. Auf dem Weg zur Kirche grüßten sie einen Priester und rissen ihre Arme enthusiastisch in die Luft. Ein Gruß, der mich sofort an unseren Vorfahren namens Adolf erinnerte. Als nun aber einer der psychisch Kranken in seinem Überschwang auch noch seinen anderen Arm hochriss, brach ich in haltloses Lachen aus. Und dann lachten wir beide über diesen gestischen Übermut, der all das übertraf, was mir bisher beim Nachdenken über Hitler durch den Kopf gegangen war. Jener arme Mensch hatte den Hitlergruß veralbert und entmachtet.  Und wollte doch nur den Priester grüßen, wenn nicht umarmen. Er hätte auch die ganze Welt umarmt, mit beiden weit ausgestreckten Armen. So wie ich, wenn ich auf dem Meer oder im Gebirge überwältigt bin. Es ist ein Gefühl, das wir alle kennen. Eine Haltung, die wir einnehmen, wenn wir unsere Gegenwart behaupten. Wenn wir die Welt wieder neu  entdeckt haben und sie nun  umarmen wollen … Ich habe diese Zeichnung gleich nach meinem Diplom in Paris gemacht ... »

      Wie nun, frage ich mich, während ich meinem transatlantischen Briefpartner lausche, wenn es in seinem malerischen Schaffen im Kern um nichts anders ginge: Um das Kunststück, bei der Umarmung der Welt nicht das Gleichgewicht zu verlieren? Um die Frage nach der individuellen Balance des Menschen in seiner Herausforderung Anfang des 21. Jahrhunderts? Dann würde, wie Louise Déry es in ihrem Beitrag zum Katalog der Ausstellung DIT IS DE MINJ formuliert hat, Gregory Forstner, anstatt in die Steilwand der Geschichte zu steigen, sich an die Gegenwart heran wagen und neue Wege gehen, andere Geschichten einleiten. Das kommt mir entgegen, meiner romantischen Neigung, in die eigenen Abgründe zu sehen.
(Erster Teil eines Versuchs zu Gregory Forsters Ausstellung The Ship of Fools im Sommer 2009 im Musée de Grenoble. Herausgeber des Katalogs: Musée de Grenoble und Galerie Zink München/Berlin. Gregory Forster ist 1975 in Douala, Kamerun geboren, lebt und arbeitet in Brooklyn, New York. Einzelausstellungen: 2009 Ship of Fools, Musée de Grenoble, Frankreich; 2008 The Waiting Rooms, Galery Zink, München, Deutschland; 2007 Easy Over, Galerie Contemporaine du MAMAC, Musée d'art moderne et d'art contemporain de Nice, Frankreich; 2006 Dit is de  minj, Galerie de l'UQAM, Universite du Quebec à Montréal, Canada; 2005 Piece unique, Centre culturel francais, Turin, Italien)  

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