lundi 16 mai 2011

LOISAIDA




Cover des 1982 im Claassen Verlag Düsseldorf von KP, Klaus-Peter Herbach selig und Assen Assenov herausgegebenen Buches New York, Die Welt noch einmal, Deutsche Schriftsteller erleben die Stadt

Auf einmal war ich, Jahrgang 1941, unter die Schriftsteller katapultiert. Und war doch keiner. Dafür war ich ein Jahr später in Japan, wusste nur noch nicht, dass ich dort statt zwei, zwanzig Jahre lang leben würde. Hinten in diesem Buch, das ich jetzt aus dem Büchermeer der Bibliotheken ziehe, um es in die Ozeane von Google und Konsorten zu werfen, steht unter ‘Autoren‘: geb. 1941, lebt in Berlin, veröffentlichte zuletzt ‘s ist Krieg! ‘s ist Krieg!, Berlin 1981. Zuletzt? Als hätte ich schon zuvor! Dabei hatte ich da vor noch nichts veröffentlicht, außer einem schmalen Buch, fast noch ein Heft, unter dem Titel Schüsse in Dombrowskis Bauch(1980) in dem mutigen Kleinverlag Prometh, Köln.

Seiner Zeit, also vor nun schon knapp 30 Jahren, war Loisaida aktuell, weshalb auch er von den Herausgebern in ihre New York-Anthologie aufgenommen worden sein dürfte. Ganz schön lebendig finde ich ihn heute noch mit seinen Brechungen, Schnitten und Perspektivwechseln. Verhinderter Nachkömmling von John Dos Passo! Und doch war ich das, unverwechselbar ich – meine Stimme. In Loisaida klang sie an, das gute alte SZ! Eine Stimme aufnehmen wie einen dünnen, roten Faden.

Immer noch diese alberne, unverwüstliche Schreiblust. Und dann, peinlich geradezu, dieser lächerliche Impuls, einen meiner verschollenen Texte heute noch korrigieren zu wollen. Müsste es zum Beispiel im dritten Absatz, zweite Zeile nicht ‘wurden‘ statt ‘werden‘ heißen? “Hier wurden sie, vor jedem melting pot, weich geklopft oder hart gekocht.“ Oder, kurz bevor Margery wieder zu sich kommt und zum zweiten Teil ihrer ‘Rede zum 205. Geburtstag der Vereinigten Staaten von Amerika“ anhebt, müsste es da nicht statt ‘scheint‘ ist heißen?

Plötzlich diese Lust auf Loisaida!

Warum? In einem Anfall von Nostalgie? Zurück in den Anfang meines Scheiterns als Schriftsteller? Nein! Noch mal auf die Feuerleiter des schönen Scheins. Von nun an, wo ich doch seit wenigen Tagen auf die Achtzig zugehe. Aber, warum nicht warten auf den 4. Juli 2012? Nach dreißig Jahren . . . Ich mag die Nullerjahre nicht.

Hier also der Text selber:

Entscheide dich. Dir ist es möglich. Der Tag, der auch hier herauf-
kommen kann, oder die Nacht, die über diesen Teil der Stadt gefallen
ist.
Es ist spät an diesem 4. Juli 1981. Ich komme vom Battery Park,
Macy‘s Feuerwerk zu Ehren des 205. Geburtstages der Vereinigten
Staaten von Amerika ist ins Wasser gefallen. Es verpuffte im Regen
aus schweren, tief hängenden Wolken. Manch eine Rakete hat sie
durchstoßen. Ich laufe durch die Gegend um Wall Street, jetzt durch
Chinatown. Ich möchte zu einer Filmvorführung in der Lower East
Side. Weil es schon so spät ist, möchte ich telefonieren. Klappt nicht.
Die offenen Telefonboxen sind unbeleuchtet und alles in Chinesisch.
Ich gehe durch die Orchard Street, kein buntes Kleidergewirr über
dir um diese Zeit, aber Namen: Abraham & Kaufmann, Sarah Rosen-
strauch. Juweliere, Pelz- und Kleiderhändler, einige Läden sehen so
aus, als würden sie auch morgen Vormittag nicht öffnen.
Die Lower East Side, immer noch ist sie Stütz- und Anlaufpunkt für
Völkerwanderungen. Hier werden sie, vor jedem Melting Pot, weich
gekocht oder hart geklopft. Engländer, Holländer, Deutsche und Ju-
den, heute sind es Portoricaner, sie werden sich nicht die Türen in
die Hände gegeben haben, früher die Vertriebenen der ersten, heute
die der dritten Welt. Lower East Side, Loisaida von Houston bis zur
14., von Avenue A bis D - nachts sei hier schlecht gehen als Fremder.
In den Straßen ist es so dunkel, daß ich die bewohnten von den un-
bewohnten, verlassenen, zerstörten Häusern nicht unterscheiden
kann. Kauf dir ein Bier oder zwei. Alle machen das hier. Laufen mit
ihrem Getränk nicht nur der Hitze wegen auf den Straßen. Da der
Genuß von Alkohol in der Öffentlichkeit verboten ist, werden je nach
Flaschengröße und Anzahl der Mittrinkenden Papiertüten mit einge-
packt. Es gibt Wichtigeres, als sich wegen ein paar Schluck auf der
Straße mit der Polizei anzulegen. Und so siehst du überall, wie die
Leute ihren Alkohol in braunem Packpapier verstecken. Sichtbarer
geht”s nicht.
Der, wie wir sagen würden, Kaufmannsladen ist bis gegen 22 Uhr 30
und noch länger auf.  An einem einzigen, gläsernen Eisschrank die
Wand entlang suchst du dir deine Biersorte. Budweiser, Heineken,
Löwenbräu, aber auch Miller und Schaefer, das scheinen die Ab-
kömmlinge der alten, ehemals deutschen Brauereien in New York zu
sein. Hier steht Lagerbier. Bier, nach dem die deutschen Sozialisten
im vorigen Jahrhundert genannt wurden, als sie in den großen Bier-
gärten der Bowery sich den Kopf über die notwendige Veränderung
der Welt zerbrachen, derweil die Iren, später auch die Juden die Ver-
waltung der Stadt samt Organisation der Arbeiterbewegung in die
Hand nahmen.
Nimm Lagerbier. Es ist in diesen schönen, soliden braunen Flaschen
abgefüllt, der Hals lang genug, um eine Hand darum zu spannen. Die
Kamera in die Einkaufstüte, die erste Flasche in die rechte Hand und
an den eigenen Hals, das sind zwei schnelle Griffe, und ruhiger schon
gehst du die 4. Straße Richtung East River. Kein Parkplatz wäre hier
zu ?nden, auch in der zweiten Reihe parken sie. Die Türen zum Bür-
gersteig weit aufgerissen, die Radios voll aufgedreht, so bilden sie das
eine Ende des kurzen Wegs quer übern Bürgersteig. Das andere
Ende bleibt im Dunkeln der Ruinen. Dazwischen die watcher, sit-
zend mit dem Rücken an den Häuserwänden oder gemächlich her-
umschlendernd. Einer geht ein kleines Stück mit mir: Drugs? Shit?
Kokain?
Wie gehst du denn? Gehst du zu schnell, zu langsam? Machst du
nicht viel zu große Schritte, oder sind sie etwa zu klein? Vergiß nicht,
die Füße gut abzurollen, bitte, wie es sich gehört, von der Ferse bis
zur Fußspitze. Sie sehen alles, haben dich längst taxiert. Der da, ein
leichter Fall, wird sich nicht wehren.
Täuscht euch nicht, seht – und  nun, ‘nen langen, kräftigen Schluck – ,
seht dies Fläschchen hier. Gefällt es euch? Wer mich anrührt, dem
ramme ich den abgeschlagenen Flaschenhals in den Bauch. - Ruhi-
ger werden. Vorgestern erst haben sie hier einen zu Tode gehetzt.
Sie werden dich nicht zuerst anfassen, und ins Gefängnis willst du
nicht.
Geh weiter und denk mal drüber nach, was Bimbo Rivas, der Dichter
dieser Straße, dir erzählte. Jeder kleine Straßenhändler will hier
ohne Lizenz seine selbstgemachte Ware verscheuern, T-Shirts geba-
tikt, Schmuck und Schnitzereien, und wer dabei erwischt wird, der
wandert ins Gefängnis. ]a, hier herrscht Ordnung. Hinter der Polizei
stehen die Geschäftsinhaber und Steuerzahler, die fürchten die Kon-
kurrenz der armen Schlucker auf den Straßen. Ganz anders die Dro-
genhändler, die leben am langen Zügel. Noch gibt‘s da keine Steuer-
kontrolle, keine legale wenigstens.
Die machen alles unter sich ab, da kennen sie nichts. Neulich soll
einer durchgedreht sein. Plötzlich kommt er auf die phantastische
Idee, seinen Nachbarn, wenn sie nachts den Morgen auf der Straße
erwarten, den Hals aufzuschlitzen. Jetzt sitzt er im Gefängnis und soll
bei seiner Festnahme geschrien haben: D‘nt kill me!
Trink das süffige Lagerbier und geh.  4. Straße zwischen Avenue B
und C, zwischen C und D bist du zu Hause. Trink auch die zweite
Flasche, man kann nie wissen. Plitschnaß bist du. Regnet immer
noch, ein Glück. Habe mich an die Ruinen gewöhnt und die bewohn-
ten von den unbewohnten unterscheiden gelernt. In den ersten ist
wenig Licht, in den zweiten hört man Stimmen. Loisaída: ein Verließ,
seine Bewohner wandern ab und an ins Gefängnis. Während du
gleich in der 310 und damit zu Hause bist, gehen sie ihren Weg.
Der Portoricaner Paul Rodriguez tötet den Weißen Michael John-
son wegen einem Paar Schuhe. In der Loisaida geschieht es mit dem
Küchenmesser, in Rikers Island mit einem zugespitzten Suppenlöffel.
Rikers Island, da sitzt auch Chapman, der Mörder von John Lennon –
he is still alive (natürlich) –  und mußte sich »Blöde Fotze« schimp-
fen lassen von Crimmins, dem Metropolitan-Mörder (die hübsche
Violinistin ist jetzt tot). Seither schweigen beide. Chapman ist belei-
digt.
310, ein schmuckes, sechsstöckiges, wiederhergerichtetes Haus, ein
Aufzug, vierter Stock, den Schlüssel rumgedreht und – Ende  der
Filmvorführung, Licht an, komme gerade recht.
Knapp zwanzig Leute sind da, drei wollten kommen, eine ››small ex-
tended family«, sagt meine Schwester und kümmert sich einen
Scheißdreck um Getränke, bitt schön. Alle bewegen sich Richtung
Eisschrank, eine ältere weiße Amerikanerin, schwarze Amerikaner,
Griechen, Frauen aus Santo Domingo neben Portoricanern.
Da ist Bimbo Rivas, ich werde sein zerschlagenes Gesicht nicht ver-
gessen, kleiner, tapferer Mann und Dichter, der nicht umhin zu kom-
men glaubt, auch mal seine Frau zu schlagen. Margery ist hübsch
und verschmitzt. Einmal kam sie mit einer tiefen Wunde am Hals
nach Hause. Jemand hatte sie mit einem Teppichmesser verletzt.
Diesmal soll Bimbo gar nicht erst angefangen haben.
Margery, wahrscheinlich hieß sie einmal Marguerita, ist heute abend
schön in Fahrt. Sie redet wie ein Wasserfall, und beinahe alle hören
zu.
Wie war das eben noch in unserem Film? Was sang der Sänger Ed-
gar? »Children die, mothers cry, Lower East Side is taken my life
away.« Jetzt holt sie noch einmal tief Luft und beginnt mit dem, was
ich später “Margy‘s Rede zum 205. Geburtstag der Vereinigten Staa-
ten von Amerika« nennen werde. Draußen kracht es unablässig, drin-
nen das eine Wort vernichtend, ein anderes untermalend.
...dann sind sie also alle abgehauen hier vor ein paar Jahren, erst
die Besitzer, dann die Mieter der Häuser. War ja auch nicht mehr
zum Aushalten.
Mal abgesehen von denen, die dazukamen, ein paar arme Hunde wie
wir, waren wir noch da und hatten uns an die drug-scene lange schon
gewöhnt. Wir, das ist Bimbo, mein Mann, der arme Hund und Dich-
ter, wir, das bin ich, Hündin und Tänzerin, das sind unsere Kinder
und Freunde und Nachbarn und du und du und - wie wir so sitzen
hier und  jetzt, Sally, Chino, ]enny, Mary, Tony, Marlis.
Wir tun immer noch so, als sei auch die Loisaida ein big red apple.
Immer noch kämpfen wir für unsere kleinen Happen. Immer noch – wie
 lange noch? – träumen  wir vom Biß.
Marlis: Aber halten wir nicht zusammen, kämpfen wir nicht?
Margery:  Na klar halten wir. Aber tun, wir müssen mehr tun zusam-
men. Wir tun zu wenig für die Gesundheit unserer Kinder, für ihre Er-
ziehung und für ihre Kreativität. Ich sehe es doch an mir: Ich kümmere
mich manchmal einen Dreck. Und warum?
Weil ich selber kaum habe, was ich brauche, meinen Tanz zum Beispiel.
Von draußen faucht und knallt es herein, schreit drinnen alles und lacht
durcheinander. Fourth of_]uly regnet es dünn und warm. Alles glänzt im
Licht der einen Laterne, die wirklich brennt vor diesem Haus, alles: die
Gesichter der Menschen unten, die Karosserien der Autos, die Pfützen
auf Straße und Bürgersteigen, glitschig vor Nässe und Dreck.
Margy: Und dann Filme über uns, Bilder und Gedichte. Ich halt‘ das
nicht mehr aus. Alles für die Katz, alles fucked up. Das bringt uns
nicht hoch, das zieht uns runter.
Tony: Dängdäng, degedegedängdängdäng.
Margy: Ja, du weißt doch auch Bescheid. Weißt schon, was ich meine.
- Alles ist schön, und alles ist Scheiße.
Tony: Alles ist schön, und alles ist Scheiße, derängdängdäng.
Margy: Zusammenhalten, okay. Aber warum nur, wenn wir high
sind?
Tony: Alles ist schön, und alles ist Scheiße.
Margy: Oh, du verdammter motherfucker – Tony. Wir wollen den
Überblick und raus hier. Oder?
Tony: Okay, honey. Wir wollen unsere Leben zusammenschmeißen,
und sie hauen uns auseinander. Alles ist . . .
Sally: Für die paar Brocken, die sie uns hinschmeißen in diesem Le-
ben. Na, das wollen sie doch. Das ist ihre große Hoffnung: Wir wer-
fen uns wie die Köter drüber, und sie haben ihre Ruhe. Klar?
Sally liegt schwer und schwarz in einem Sessel, schläft jetzt einfach
weg. Hört Bimbos meckerndes Lachen nicht mehr. Tony ist das La-
chen vergangen, trommelt sich einen auf den Oberschenkeln ab,
blickt erst mal nicht mehr noch. Margy scheint noch nicht am
Ende.
. . . die Schnauze voll jetzt, bin fertig jetzt mit meinen neunundzwan-
zig  Jahren. Haue jetzt ab, gehe zurück auf meine Insel, wo ich gebo-
ren bin. Kinder kommen mit. Bimbo will hierbleiben. Okay, Bimbo,
bleib nur, schreib nur weiter deine Gedichte und laß dir in den
Arsch treten. Alles umsonst, Liebling!
Und vergiß das Demonstrieren nicht, das Kämpfen. Alles unbezahlt,
alles freiwillig. Alle arbeitslos! Arbeit brauchen wir, verdammt noch
mal, anständige Arbeit, keine für 2 Dollar 35 Cent die Stunde.
Und warum kriegen wir keine anständige Arbeit? Weil wir nicht qua-
lifiziert sind! Und warum sind wir nicht qualifiziert? Weil wir zum
Beispiel nicht in der Gewerkschaft sind! Und warum sind wir nicht
in der Gewerkschaft? Weil wir alle Zuhälter nicht ausstehen, einfach
nicht ausstehen können. Ich hasse die pimps der Armen.
Krach, Buum, Bäng - das ist die Lust der Armen in der Loisaida, und
langsam siehst du die verpufften und verrauchten Dollarnoten die
Gullys runterfließen. Aufbruch. Erleichtertes Lachen der Männer.
Was haltet ihr denn von morgen, he? Manyana, Manyana! Valante!
Da geht das Licht aus, und ein irres Gejohle hebt an. Margy ist
nicht mehr zu halten. I want a jaaaooob! l go dancing know! Bailar!
Und Tony hopst herum und singt: Loisaida neva takes my life away!

Nie wird es ganz dunkel im Sommer in New York, auch in der
4. Straße Ost nicht. Meine Schwester geht schlafen. Ich gehe auch
gleich. Da klingelt das Telefon. ››We are going to mug your building!«
Lachen, Gröhlen, aufgehängt. Ich habe ungefähr verstanden und ver-
suche, meine Schwester zu wecken. Die will nicht mehr zu sich kom-
men. Same people, same people. Was soll denn das heißen?
Ich trete durch das hochgeschobene Fenster auf die Feuerleiter. Über
mir der Himmel, so weit wie das Meer, das man leicht vergißt und an
dem diese Stadt doch liegt. Aber es ist nicht nur das Meer, das diesen
Himmel jetzt so rosa und lila und blau färbt. Es sind auch die Aus-
dünstungen des big red apple.



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