HIER IST ER:
Ob das wohl dazu gehoert? Die Nacht kein Auge zugedrueckt, hot-down-town-summer-in-the-city-party, eingeschlafen erst am spaeten, helllichten Nachmittag im lauwarmen Wasser einer Badewanne dreiunddreissig Stock hoch 68. Strasse(West). Aufgewacht mit nicht gelindem Schrecken durch Ullas kleinen Schrei, es war so lange still geblieben hinter der Badezimmertuer. Sie sah mich schon blutueberstroemt auf Fliesen liegen oder blau angelaufen unter Wasser.
Verstoert und mutig trat ich auf den Balkon. Vermied, mir die Bauart all der anderen Balkone naeher anzusehen. Mein Blick fiel schraeg und tief hinunter auf den grossen Park, in dessen Baeumen der Wind spazieren ging. Also nichts wie los, und schon fielen wir durch den Aufzugsschacht.
Hier unten, auf einer weiten, gruenen, eingezaeunten Wiese, spielen sie, springen, tanzen, treiben Akrobatik unter aller und der Parkwaechter Augen. Sie geniessen die Geschicklichkeit ihrer Bewegungen, schamlos sinnlich und ganz oeffentlich. Ein wenig show ist auch dabei, bei ihrem wunderbaren, unendlich wiederholten Geschaeft. Frizbees schwirren durch die Luft, finden im Flug auf Zeigefinger oder hochgeworfene grosse Zehen, spielen Versteck hinter einem Ruecken und – umgedreht und fortgeschleudert. Spielt hier denn niemand Ball? Doch, dort eine Frau und gleich mit dreien.
Vor mir jetzt ein kleines Tal, Rauch steigt zwischen den Baeumen auf. Ich schnuppere, ein suesslicher Geruch. Ich lass’ mich fangen: harter disco-beat and another one bites the dust. Fuer Augenblicke kommt Dvorjak dazwischen, ist dann wie abgeschaltet ueber einer Rollschuhflaeche. Hier huepfen, schwingen, fliegen sie, roller-disco-dancing, alle auf einem Sender, jeder fuer sich und fuer die Zuschauer. Das macht uns an, wir bleiben stehn.
So als koennten die Beine nicht genug bekommen vom Rausch in ihren Muskeln, baumeln bunte Baellchen, Federbueschel an dieser, jener Huefte. Hauteng die Trikots und Hemdchen, ausgefranst und kurz unterhalb der Brueste abgeschnitten. Zeigt Bauch!
Ja, ja, heute ist Sonntag. Ice-cold-beer-one-dollar, gib schon her and another one bites the dust. Zuviel Bewegung fuer einen, der nur zusieht. Muss mich setzen, hier die Bank unter den Platanen und vor dir ein schoenes, buntes Durcheinander von Stehenden und Gehenden, von Warten, Rufen, Kinderschreien und hinten die fromme Gemeinde in Dvorjaks Neunter.
Und hinter dir? Schiller, Friedrich. Haette’ste das gedacht? Wohlig streckst du dich, und alle Menschen werden Brueder. Nur, dass da ein lieber Vater wohnen soll, ueberm Sternenzelt, das verzeihst du nicht. Steh’ auf und geh’! Bevor dir’s Wasser in die Augen tritt. Hier geht es lang. Der Weg ist asphaltiert und hinter Bueschen gleich verschwunden. Schiller, mein Gott. Irgendwo soll auch Goethe stehen. Lassen wir den, fuer heute. Sieh mal, die Eichhoernchen sind grau in New York, und immer noch ist es schoen. Ganz furchtlos knabbert eine ratte an einer Erdnussschale. Glaubt wohl, sich nicht fuerchten zu muessen. Kommt ein Jogger, sieht die Ratte, sagt: Go, kill her. Take a stick. Ist schon vorbei und ich rufe noch: No!
Wir sind durstig und kommen an einen Teich. Hier gibt’s Eis. Es ist ein Teich fuer Grossmuetter und ihre Enkel. Wenn die Geschichten der Grossmuetter langweilig zu werden drohen, rennen die Enkel ans Wasser. Geh nicht zu nah ran. Fall nicht ins Wasser! Rufen die Alten dann. Ruhig liegt der Teich da, in dem die Kinder sich, die Baeume und die Wolkenkratzer spiegeln. 5th Avenue und die Strassen rueber zum East River, du weißt noch viel zu wenig von den Schluchten dazwischen.
Das amerikanische Eis, sagt Ulla, ist das sahnigste Eis auf der ganzen Welt, moechtest deine Zunge dran verlieren. Ach, sage ich. Und langsam gehen wir auf die andere Seite des Teiches, Hans Christian Andersen ueber die Schulter zu sehen. Da sitzt er nun mit langer, kluger Nase, auf den Knien ein aufgeschlagenes Buch, das Haessliche Entlein zu seinen Fuessen. Wir lesen mit:
“Wie gross ist doch die Welt!“ sagten alle lebendig gewordenen Eidotter, denn nun hatten sie freilich viel mehr Platz als sie noch drinnen im Ei lagen.
“Glaubt ihr, dass dies die ganze Welt ist?“ fragte die Mutter, “die erstreckt sich noch weit ueber die andere Seite des Gartens, aber da bin ich noch nie gewesen.“
Wir gehen weiter. Schluerfen das Eis hastiger. Es soll uns nicht davonlaufen in dieser Hitze um 37 Grad im Schatten. Und noch ein Denkmal, Alice in Wonderland, von ihren Tieren umgeben, hat die rechte Hand ausgestreckt. Sanft glaenzt ihr Zeigefinger in der Abendsonne, so abgegriffen ist er. Alle wollen Alices Fingerspitze, du auch. Aber da glaenzt noch etwas. Senkrecht unter der Fingerspitze eine Schnecke im Abendlicht, blank getreten ist sie und aus Bronze.
“Moecht’st deine Zunge dran verlieren, an diesem Eis“, sagt Ulla. Los, denk’ ich, frag’ sie schon. “Sag’, Alize, wo bin ich? Bin ich - ?“
“Central Park, mein Junge. New York City .“
PS
Wie kam ich, ein mittelloser Hausmann, nach New York?
Mit dem Drittel der Summe, die mir der RIAS BERLIN für die Rundfunkfassung von "'S IST KRIEG!" gezahlt hatte. Das waren damals zweitausend Mark, viertausend gingen in die Haushaltskasse. -Warum schrieb ich nicht weiter? Weil ich als Vater von drei Kindern Geld viel mehr Geld verdienen musste, als ich glaubte mit dem Schreiben verdienen zu können. Jenes Geld verdiente ich dann in Japan.

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